Leitmotive

Von Pferden in der Praxis erlernt.

Wir rekonvaleszieren seit über 25 Jahren kaputt gerittene, weil falsch gesattelte und falsch gerittene Pferde auf eine sehr sanfte und schmerzlose Weise. Wir wissen, wie Pferde tragen und welche Voraussetzungen zum Aufbau der Muskulatur notwendig sind.

Das sind die wichtigsten Punkte, die für diesen Erfolg zu beachten sind:

  • Sättel müssen in waagerechter Position über dem Pferd thronen. Hierfür sind Atrophien abzupolstern, unter dem Sattel muss für die gedehnte Muskulatur Platz sein, die Schulterpartie darf nicht mit dem Sattel belastet werden und der Reiter muss von oben sehen können, wie sich die Schulterblätter frei nach hinten bewegen.
  • Pferde leiten ihr eigenes Gewicht sowie das Reitergewicht über ihr Becken und die Hinterbeine zu Boden. Folglich ist die Tragkraft (Übertragungskraft) der hinteren großen Muskeln am größten. Pferde funktionieren wie ein Kran, die Hinterhand bildet den Kraftarm und der waagerechte Rumpf den Tragarm. Das ist seit Jahrhunderten bekannt. Die alten Reitlehrer hätten niemals Sättel auf die Schulterblätter gezwickt und den empfindlichen Rippenbogen als Tragrippen bezeichnet. Sie wussten, dass sich das Lastenmoment nach vorne zum Kopf hin deutlich erhöht.
  • Eine gesunde Wirbelsäule ist elastisch. Um diese Elastizität zu erhalten, ist es die wichtigste reiterliche Pflicht, die Öffnung der Dornfortsätze nach oben zu ermöglichen, das heißt, die ultimative Dehnung im Schritt am langen Zügel zuzulassen. Das einzige was heilt, ist diese Dehnung.
  • Die empfindlichen Rücken unserer Pferde sind so gut wie möglich abzupolstern. Unterlagen müssen generell mehrlagig sein, mit Stoßdämpfer und mindestens zwei die Reibung mindernden Schichten.

Trainingstagebuch

Die 12jährige Friesenstute Amara wurde 12 Wochen von uns behandelt, mobilisiert und sachte trainiert.

Das Foto zeigt Amara und Antonia beim Ausritt nach 12 Wochen Behandlung.

Die 12jährige Friesin Amara war im Frühjahr 2008 bei uns auf dem Rangauhof. Die Tierärztin Antonia Körber und Margit Zippold wollten für das Buch „Sättel anpassen“ ein Rückenaufbautraining dokumentieren.

Amara war Zuchtstute bevor sie 10jährig für gutes Geld als Freizeitpferd verkauft wurde. Für ihre Besitzer war Amara ein Liebeskauf. Das junge Ehepaar hatte allerdings nicht viel Pferdeerfahrung, deshalb haben die beiden von einem Tierarzt eine Ankaufsuntersuchung machen lassen und bei einem Fachhändler einen neuen deutschen Markensattel gekauft.

Viel Freude hatten sie nicht mit dem Pferd. Amara konnte nicht entspannt laufen, sie hat nur gezackelt. Die Besitzer glaubten an ein Temperamentsproblem, als wir ein Foto sahen, wussten wir, dass das arme Pferd vor seinen Schmerzen davon lief.

Amara geht nach 12 Wochen heim

Nach 12 Wochen haben wir Amara erst einmal nach Hause entlassen. Sie konnte deutlich besser laufen, die Lahmheit der Hinterhand war im Schritt ganz weg, auch unter dem Reiter. Amara war zu diesem Zeitpunkt in der Lage, ihren Reiter im Schritt entspannt zu tragen. Bei Überlastung durch eine Steigung fiel sie sofort wieder in ihr altes Reaktionsmuster: Davonrennen!

Amaras Becken hat während der osteopathischen Behandlungen immer sandig geknirscht. Antonia vermutet deshalb einen schlecht verheilten Beckenbruch. Deshalb haben wir die Friesin erst einmal zur langsamen Regeneration durch Schritt reiten unter einem Westernsattel und Doppellonge heim geschickt.

Amaras Fundament hat sich sehr schnell positiv verändert. Der Rücken wurde erheblich breiter und gerader. Sie erscheint deshalb deutlich länger. Amara kann die Beine besser heben und sie hat sehr gut zugenommen.

So sah die Kruppe nach 12 Wochen aus.

Festsitzendes Sacrum in Extension

Als Amara ankam, konnte sie nicht gerade stehen. Der osteopathische Befund war scheinbar endlos lang, vom Zungenbein über die Halswirbel bis zum Iliosakralgelenk.

Amara war anfangs sehr appetitlos. Sie mochte weder Heu noch Hafer. Unsere Heulage hat ihr besser geschmeckt. Der Appetit kam durch Möhren und Kräutermüsli.

Durch die osteopathische Behandlung hat sich die Darmperistaltik normalisiert. Als sie ankam mistete die Stute Miniäpfelchen, die sofort zerfielen. Die Äpfel und die Haufen wurden ständig größer. Endlich durfte ich wieder mal ein Pferd kräftig füttern. Vor der Vollweide waren wir schon bei 6 Kilo Kraftfutter und man konnte jedes Körnchen davon sehen. Amara hat auch wieder gut gerosst, die vorher 3 fingerbreit offen stehende Vulva hat sich geschlossen.

Erste Behandlung gleich nach der Ankunft

Der erste Befund war ziemlich niederschmetternd: hochgradige Muskelatrophie am ganzen Rücken, Stauchung der Wirbel, ödematös aufgequollener, veränderter Schulterblattknorpel, Verspannungen, Senkrücken, massive Lahmheit der Hinterhand, festes Zungenbein und und und.

Amara war unglaublich erleichtert und dankbar, sie hat sich so gerne helfen lassen. Allerdings waren die ersten Behandlungen ziemlich gefährlich, weil sie mehrfach beinahe umgefallen wäre.

Jedenfalls war an Longieren gar nicht zu denken. Ich bin mit dem Pferd wochenlang unseren geteerten Flurbereinigungsweg rauf und runter marschiert.

Amara nix Kaninchen!

Amara hatte durch den immensen Leidensdruck kein Selbstvertrauen mehr. Sie ist die ganze Zeit vor allem furchtbar erschrocken und hinter mir herum gehüpft, wie ein ängstliches Kaninchen. Ich kam am besten mir ihr zurecht, wenn Amara sich hinter mir verstecken durfte. Sie hat mich weder überrannt, noch ist sie mir in den Rücken gesprungen, aber so ganz angenehm ist es nicht, wenn ein Pferd mit 1,74 m Stockmaß hinter einem scheut. Ich habe sie oft tadeln müssen: „Amara nix Kaninchen!“

Noch niemals habe ich so ein liebevolles und dankbares Pferd erlebt!

Amara war ganz wild auf alles, was wir mit ihr gemacht haben. Sie war mit allem zufrieden und sie war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll. Wann immer sie mich erwischt hat, wurde ich zärtlich mit den Lippen gestreichelt. Meine Araber waren zu recht eifersüchtig.

Osteopathie und Mobilisation

Deutlich sind die guten Hufe Amaras zu sehen. Eine wichtige Voraussetzung für den Umstellungsprozess des gesamten Fundaments sind die orthopädisch korrekt zugerichteten Hufe.

Ein dreckiges Pferd kann ein schöner Lohn sein

Nach fünf Wochen hat sich Amara erstmals hingelegt und gewälzt. Deutlich erkennt man die rückbiegige Stellung. Alles in Allem hat sich Amara aber schon deutlich verändert. Sie ist glücklich und schielt nach meinem schwarzen Angeber Janbu.

Ursachenforschung

Ein völlig unpassender Sattel ohne schützende Unterlage

Vorgeschichte Amaras
Amara war in der Zucht. An ihrer anfangs drei fingerbreit offenstehenden Vulva sieht man die Narben eines alten Casslick-Verschlusses. Wir vermuten eine Schwergeburt oder einen Unfall mit Beckenbruch. Es ist davon auszugehen, dass Amara zum Zeitpunkt ihres Verkaufs als Freizeitpferd bereits nicht reitbar war. Allerdings hat die extrem falsche Sattlung jeglichen Heilungsprozess verhindert.

Fehler bei der Sattlung
Der Sattel wurde auf den Senkrücken und die bereits atrophierten Trapezmuskeln verpasst. Das heißt, er war von Anfang an viel zu eng und viel zu gebogen. Damit hat er jegliche Heilungstendenz unterbunden. Auch ein gesundes Pferd würde bei einer derart unpassenden Sattlung in die Knie gehen. Außerdem lag unter dem Sattel nur eine dünne Baumwolldecke. Es ist unverantwortlich, ein Pferd ohne Stoßdämpfer unter dem Sattel zu reiten. Fazit: Geritten werden war für Amara eine einzige Tortur.

Amara war immer äußerst liebevoll und willig. Aber als ich sie zum ersten Mal gesattelt habe, war das für sie ein Schock: „Du quälst mich also auch!“

Rückenaufbautraining und Korrektur des Verhaltens

ausgleichende Einlagen im Western-Pad (der gelbe Visco-Schaum liegt auf dem Filzinlett im Sandwich-Pad)

Die gelben Visco-Schaumeinlagen legen den Sattel gerade über den Pferderücken. Auf diese Weise liegt der Sattel gerade und hängt nicht in die Löcher hinter den Schultern. So erhalten die Muskeln den Platz, den sie zum Aufbauen brauchen. Diese Einlagen sind jeweils 3 cm dick und werden in ein  Sandwich-Pad auf den 2,5 cm starken Innenfilz gelegt.

Longenarbeit

Langmachen im Schritt

Anfangs konnte ich Amara nicht longieren. Ich bin zwei Wochen mit ihr unseren Flurbereinigungsweg rauf und runter marschiert.

Jetzt kann Amara an der einfachen Longe Schritt gehen. Die Lahmheit der Hinterhand wird besser, aber sie ist noch sichtbar. Sie trägt ihren Sattel bereits mit Fassung. Für den großen Kopf habe ich ein Side pull mit Gebiss zusammen geschustert. Ich hatte keinen Stirnriemen, der breit genug gewesen wäre. Den Halt gibt ein Kehlriemen.

Side pulls mit Gebiss sind die genialste Erfindung, seit es Zäume gibt. Damit kann man nervöse Pferde leichter halten, ängstlichen durch den Nasenbügel Sicherheit vermitteln. In Verbindung mit einem Martingale gibt es dem Pferd viel Führung. Der Reiter kann (sollte) sich zurück halten. Jeder Zügelimpuls geht über Genick, Nase, Maul. So kann ein Anfänger, der sich am Zügel festhält, seinem Pferd nicht wehtun. Es ist auch ideal geeignet für die Arbeit an der Doppellonge.

Doppellonge

vorwärts – abwärts an der Doppellonge (ich habe mit einer Hand die Longe gehalten, mit der anderen fotografiert, deshalb ist die Zügelführung nicht korrekt)

An der Doppellonge waren die ersten Trabtritte möglich. Amara zeigt immer deutlich die Tendenz nach vorwärts-abwärts. Wenn der Hals lang wird, kann der Rücken schwingen. Offensichtlich wissen die Pferde selbst sehr gut, was ihnen gut tut. Wie viele Reiter wissen gar nicht, wie wichtig diese Dehnung ist?!

Das Reitergewicht aufnehmen

ganz ohne Zwang nimmt Amara das Reitergewicht auf

Nachdem Amara bekanntlich eine Durchgängerin und Zacklerin war, haben wir uns bemüht, nicht auf die alten Knöpfe zu drücken, die zwangsläufig die alten Verhaltensmuster auslösen. Jeder verspannte Tritt mit weg gedrücktem Rücken ist einer zuviel, egal in welcher Gangart.

Die Reiterin ist meine Tochter Julia, die aus optischen Gründen für die Fotos keinen Helm tragen wollte. Die Reiterin sitzt weit hinten und stört das Pferd nicht. Das Pferd kann in aller Ruhe nachdenken und ausprobieren, wie sich das Reitergewicht schmerzfrei aufnehmen und tragen lässt. Wir haben jede dieser kleinen Trainingseinheiten positiv an der Oberlinie des Pferdes wahrnehmen können. Es ist schier unglaublich, wie schnell die Muskulatur auf diese wirklich sanften Reize reagiert. Amara fand generell alles prima, was wir mit ihr gemacht haben.

Kurze Ausritte im Schritt

Während der letzten 2 Wochen habe ich mit Amara kurze Ausritte von 30 min Dauer unternommen. Amara konnte mein Gewicht im Schritt gut aufnehmen. Sie hat es genossen, sich lang zu machen.

Anfangs wollte Amara alle 5 m wegrennen, jedes Rascheln löste ihr altes Verhaltensmuster aus. Sie hat aber dennoch willig meine Hilfen angenommen während die entspannten Intervalle langsam länger wurden.

Ihre Kraft reichte für ebenes Gelände, Steigungen konnte sie noch nicht bewältigen. Bei Überlastung wurde sie sofort unruhig, vermutlich bekam sie schnell Schmerzen.

Ihre Besitzer haben sich sehr auf die neue Amara gefreut. Sie haben noch kein geheiltes Pferd erhalten, aber eines, dass langsam – Schritt für Schritt – kräftiger, selbstbewusster und deshalb ruhiger wird.

Nach fast einem Jahr

Amara brauchte auch zuhause noch intensive osteopathische Weiterbehandlung. Sie hat ihr Gewicht gehalten und ihr Fundament umgebaut. Nach Auskunft ihrer Besitzer ist Amara beim Ausreiten sicherer geworden. Die Lahmheit ist ganz weg. Amara scheint gerne zu traben, sie kann jetzt viele Kilometer entspannt traben.

„Als überzeugte Dressurreiterin – bin ich nun „umgestiegen“ auf das Westernreiten und frage mich die ganze Zeit: Warum nicht schon früher?“
Biene • Hamburg
“Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass der baumlose Sattel solche Auswirkungen hat. Zusammengefasst kann ich sagen: Was früher K(r)ampf war, ist jetzt ein Spiel.“
Sonja • Schwabach
„Flagas Schultern sind jetzt nicht mehr blockiert und deshalb hat sie jetzt Freude an der Bewegung.“
Regina • Burgheim